Die grundlegenden Konzepte
aus „Warum Yoga" von Imogen Dalmann und Martin Soldner
   
 

Suchen wir nach dem Warum und Wie des Yoga, finden wir nirgendwo anders eine klarere Antwort als in den bereits erwähnten „Yoga Sutra“ des indischen Weisen Patanjali. Es ist der unbestritten wichtigste Text der gesamten Yogaliteratur.

Irgendwann zwischen dem zweiten Jahrhundert vor und dem vierten Jahrhundert nach Beginn unserer Zeitrechnung wurde das Yoga Sutra niedergeschrieben. Die 195 kurzen prägnant formulierten Gedanken beschreiben Ausgangspunkt, Methodik, Sinn und Zweck des Yoga. Seit seinem Erscheinen ist dieser Text unübertroffen geblieben an Tiefe, Eleganz und Schlichtheit.

 

Verständnis und Zufriedenheit

Eine gesunde Neugierde und die Suche nach Leid und Enge sind für Patanjali zwei der wichtigsten Triebfedern menschlichen Handelns. Wie kann sich aus Neugierde wirkliches Verstehen entwickeln und was braucht es um eine Zufriedenheit zu entwickeln, die nicht von Äusserlichkeiten abhängig sind? Das sind die beiden wichtigsten Fragen denen das Yoga Sutra nachspürt. Um sie zu beantworten, bedarf es nach Patanjali einer intensiven Auseinandersetzung mit der Struktur unserer Innenwelt, unserer Wahrnehmung und unserem Fühlen. Aber auch eine Auseinandersetzung mit unserem Handeln und seinen Folgen.

Ziel dieser Auseinandersetzung ist zukünftiges „Leid zu vermeiden“. Zu diesem Zweck analysiert Patanjali zunächst was uns daran hindern, die richtigen Handlungsstrategien zu entwickeln. Da ist etwa die Tendenz fälschlicherweise das für die Realität zu halten, was in Wirklichkeit eher unseren Wünschen, Erwartungen oder Ängsten entspricht – wir nennen das heute „Projektionen“.

Oder unsere Neigung, für neue Erfahrungen nicht offen zu sein, weil wir an der Sicherheit überholten Methoden festhalten. Oder unsere Schwierigkeiten, Veränderungen wahrzunehmen oder sie zu akzeptieren. Oder unser ständiges Verwechseln mit den Rollen, die wir im Leben spielen mit dem was unsere wirkliche Identität ausmacht. All das geschieht in uns und ist unser Geist in diesen Strukturen und ihrer Dynamik gefangen, verstellt er uns den Blick auf die Wirklichkeit.

Glücklicherweise kann unser Geist auch ganz anders funktionieren. Dazu muss es uns aber gelingen seine positiven Potenziale in den Vordergrund zu rücken. „Tiefes Verstehen ist möglich“, behauptet das Yoga-Sutra, und „nachhaltige Zufriedenheit erlebbar“.

Allerdings nicht zum Nulltarif. Beides verlangt eine kontinuierliche, geduldige und intelligente Anstrengung, die unseren Geist eine andere als seine gewohnte, jedoch unzulängliche Gangart lehrt. Wir müssen uns die Fähigkeit erarbeiten ihn zu sammeln und auszurichten, ihn frei zu machen von Voreingenommenheit, ihn zu öffnen für das, was wirklich vor ihm liegt.

Es finden sich viele Gemeinsamkeiten zwischen Patanjalis zweitausend Jahre alten Konzepten und den Vorstellungen der modernen Psychologie und Bewusstseinswissenschaft. Einig sind sie sich jedenfalls darin: Mangelndes Verstehen und Unzufriedenheit fliegen uns nicht von aussen an. Es sind vielmehr hausgemachte Funktionsweisen unseres Geistes, die eine starke Neigung zeigen, sich zu wiederholen und zu verstärken.

Am schwersten sind sie für den davon Betroffenen selbst zu erkennen. Am deutlichsten sichtbar werden sie durch ihre Folgen: Unser Handeln verfängt sich in immer neuen Verstrickungen und lässt uns unzufrieden zurück. Folglich muss sich eine Strategie, der an besserem Verstehen und mehr Zufriedenheit gelegen ist, damit beschäftigen, wie unser Geist funktioniert und wie er beeinflusst werden kann.

Patanjalis Lösungssatz lässt sich in einem Satz zusammenfassen: *Die positiven Strukturen in unserem Geist stärken und seine negativen Strukturen schwächen“Dabei schlägt er vor, die meiste Energie auf das erstere zu verwenden. Nichts schwächt seiner Meinung nach die negativen Muster besser und vor allem nachhaltiger, als wenn man etwas Besseres an ihre Stelle setzt.

Etwas zu lassen, gelingt uns immer dann gut, wenn eine bessere Erfahrung oder die Hoffnung darauf seinen Platz einnimmt. Die dazu erforderliche kontinuierliche Bemühung gleicht der eines Gärtners: Er wird die wertvollen Pflanzen stets pflegen, gut wässern und düngen, damit sie dem Unkraut wenig Platz zum Entfalten gebieten, damit es nicht wuchert oder sich gar aussät. Eine Arbeit, die kein Ende kennt und einen Gärtner, der seinen Garten liebt, hat seine Freude daran.

Patanjali ist von der Notwendigkeit eines andauernden Bemühens zutiefst überzeugt und stellt eine regelmässige Übungspraxis in das Zentrum von Yoga. Diese Praxis hat die Aufgabe, den negativen Tendenzen unseres Alltags entgegenzuarbeiten. Nur so heisst es im Yoga Sutra, können wir das Potenzial an Weisheit und Güte zur Entfaltung bringen, über das wir als Menschen verfügen.

 

 

Yoga ist Übung, Selbsterforschung und Offenheit

Gleichzeitig besteht es aber darauf, dass Yoga sich nicht auf Übungen allein beschränken darf.

Übung

Das Üben ist dem Yoga wichtig, weil Körper und Geist Veränderungen nur durch Wiederholung annehmen. Um sich zu verändern, ist es notwendig, neu erprobte Bahnen von Bewegung, Denken und Fühlen, immer wieder zu beschreiten. Damit Gras über einen älteren Pfad wächst braucht es Zeit und vor allem eine neue, andere Spur, die man an Stelle des alten Weges benutzt. Damit jemand pfleglich mit ihrem Körper umgeht, muss sie ihn kennengelernt und dabei immer wieder seine Grenzen und Möglichkeiten ausgelotet haben. Damit sich bestimmte Tendenzen des Geistes ändern, bedarf es eines Aufspürens dieser Neigungen und des wiederholten Erprobens von Alternativen.

Selbsterforschung

Üben darf jedoch nicht zur mechanischen Wiederholung werden. Es geht nicht darum, den neuen Weg auszutreten, ohne nach links und rechts zu schauen. Wer Yoga übt, muss sich dabei bewusst einbringen. Wo stehe ich mir selbst in meinem Wunsch nach Veränderung im Weg? Mit welchen unliebsamen Wahrheiten möchte ich mich nicht konfrontieren? Was sind meine Stärken? Wie kann ich verborgene Qualitäten wecken? Diese Aspekte nennt Patanjali „Selbsterforschung“.

Offenheit

In dem Prozess von Üben und Selbsterforschung kann man allerdings auch eng werden. Einmal durch falsche Erwartungen, die sich schnell an Übung und Selbsterforschung knüpfen. Zum andern wird man vielleicht auf Erkenntnisse stossen, die schwer zu akzeptieren sind. Etwa, dass körperliche Grenzen enger gezogen sind, als gedacht. Oder dass sich einige ungeliebte Eigenart, hartnäckiger zeigt, als vermutet. Oder, dass manche Freunde die neue Entwicklung einer Person nicht immer so positiv finden, wie sie selbst. Kurz gesagt: Nicht alles liegt immer in unserer Macht. Deshalb ist es gut, wenn Üben und Selbsterfahrung mit Offenheit und Akzeptanz einhergehen.

Übung in Einheit mit Selbsterfahrung und einer Haltung, die auch Unerwrtetes zulässt und akzeptieren kann- diesen Prozess nennt Patanjali Yoga.

Yoga ist aber auch der besondere innere Zustand eines Menschen. Dieser Zustand ist dadurch gekennzeichnet, dass der Geist gesammelt, ausgerichtet und ruhig ist. Dann erst, sagt Patanjali, kann der Mensch die Dinge sehen, wie sie sind. Nur so ist ihm umfassendes, tiefes Verständnis möglich.

 

 

Der Yogaweg kennt acht Aspekte

Der Weg des Yoga beschreibt das Yoga Sutra als einen Pozess, der verschiedene Ebenen unseres Menschseins betrifft und anspricht. Es werden unterschieden: Die Ebenen unseres Körpers, unseres Atems und unserer geistigen Funktionen unserer Sinne, unseres Verhalten gegenüber der Mitmenschen und Umwelt und unseren Umgang mit uns selbst. Patanjali nennt sie “Acht Glieder des Yoga“.

Auf dem Yogaweg der Veränderung kann und wird einmal mehr, einmal weniger jede dieser Ebenen zum Thema werden. Jeder Mensch kann den Weg des Yoga auf der Ebene beginnen, die ihm am nächsten liegt. Schliesslich aber werden sich diese verschiedenen Aspekte ergänzen und gegenseitig unterstützen müssen, wenn der Weg erfolgreich sein soll.

Dieser Weg führt uns zu inneren Frieden und zum Mitstschwingen des eigenen Lebens im grossen Zusammenhang. Er gründet sich im Wissen, dass jeder einzelne Mensch wie ein Wassertropfen Teil einer grossen Woge ist. Rückzug und Abweichung von der Welt ist nicht Sache des Yogas Patanjalis. Er will uns vielmehr helfen, uns in diesem grossen Ganzen mit unseren Fähigkeiten miteinzubringen. Sein Yogaweg sorgt dafür, dass wir Freiheit nicht mit der Schaffung immer weiterer Machträume für das Ego verwechseln.

Es wurde schon darauf hingewiesen: Das Yoga Sutra ist kein religiöser Text. Sein Thema ist die Veränderung unseres Geistes, das Entdecken und Ausschöpfen der in uns vorhandenen positiven Potenziale. Patanjali weist aber auch den Glauben nicht zurück, sondern sieht in ihm eine Möglichkeit, uns zum Besseren hin zu verändern.

Trotz seines psychologischen, spirituellen und philosophischen Teils, lässt sich das Yoga Sutra als eine Anleitung für jede Yoga-Praxis und Inspiration für den Alltag verstehen. In Verbindung mit dem eigenen Bemühen, der eigenen Erfahrung, der eigenen Erkenntnis kann das Yoga Sutra eine grosse Hilfe werden für ein besseres Leben in der Zukunft.