Hatha-Yoga und MS (ein Erlebnisbericht)
   
Ich bin 31 Jahre alt und habe seit 11 Jahren Multiple Sklerose. Der Verlauf dieser Krankheit ist bei jedem sehr unterschiedlich, so dass ich nur von meinen Erfahrungen berichten kann. Bei mir sind die Beine von der Krankheit betroffen. Heute kann ich nur noch kurze Strecken mit Hilfe von Stöcken gehen, für weitere Distanzen benutze ich einen Rollstuhl. Trotzdem bin ich äusserst selbständig, bin berufstätig, fahre Auto und gehe seit ungefähr 3 Jahren wöchentlich ins Yoga.
Wie ich dazu kam
Lange hegte ich die Idee, dass Yoga sicher einen guten Einfluss auf mein inneres Gleichgewicht, meine Unruhe und Nervosität haben könnte. Per Zufall entdeckte ich dann in der Gemeindezeitung ein Inserat von einem Hatha-Yoga-Kurs (Bewegungs-, Atmungs- und Meditationsübungen). Bald darauf ging ich in eine Schnupperstunde und hatte natürlich einige Schwierigkeiten, Übungen mit den Beinen auszuführen, war aber bereits beim ersten Mal fasziniert von dem stillen Meditationsteil.
Was es mir bringt
Die Bewegungen, die mir Schwierigkeiten bereitet haben, musste ich wieder neu lernen . Doch hatte ich bereits nach kurzer Zeit die ersten kleinen Fortschritte feststellen können, denn jede Stunde Hatha-Yoga bedeutet sozusagen auch eine Trainingseinheit für die Muskulatur.
Übungen im Stehen führte ich im Yoga-Sitz aus und habe diese mit Hilfe meiner Yogalehrerin auf meine Bewegungsfähigkeit angepasst. Heute mache ich dieselben Übungen auf einem Stuhl sitzend, so dass ich auch meine Füsse darin miteinbeziehen kann. In meinen Beinen besitze ich nur noch wenig Spannung und bin deshalb sehr beweglich. Wie mir mein Physiotherapeut erklärt hat, ist es deshalb schwieriger die Stabilität und das Gleichgewicht zu bewahren, wenn ich diese Übungen auf dem Stuhl sitzend ausführe.
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Für mich bedeutet Hatha-Yoga, den eigenen Körper und seine Mög-lichkeiten besser kennenzulernen. Ich kann mich ohne Leistungsdruck bewegen, aber auch erholen und so eine innere Ruhe finden. Mit Hatha-Yoga kann ich viel erreichen, aber mir ist bewusst, dass es MS nicht heilen kann.
Was mir an Hatha-Yoga besonders gefällt
Sehr schöne Erlebnisse hatte ich bei Meditationen, in denen ich in meiner Vorstellung wieder gehen konnte, mit meinen Füssen den weichen Waldboden spürte, oder sogar als Vogel über den Atlantik flog. Am Ende einer Meditation fühle ich mich wohl, ruhig und zufrieden.
Beim Hatha-Yoga kann ich eine neue Philosophie erleben. Der Augen-blick ist wichtig, du musst ihn nehmen und erleben, wie er gerade ist. Dies bedeutet für mich, ich muss meinen Gesundheitszustand so erleben und akzeptieren, wie er gerade ist. Da nützt mir keine Angst vor der Zukunft und ich kann die Krankheit gelassener annehmen und trotzdem den Augenblick geniessen.
Denise Affolter
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Tägliche Yogapraxis von Denise Affolter 1999